Hier finden Sie Informationen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Zwischen Arbeitsmarkt und Achterbahn: Angehörige von Suchtkranken

 

Wenn sich die Suchterkrankung eines Familienmitglieds auf die Beschäftigungsperspektiven Angehöriger auswirkt.

In Kooperation mit dem Job-Center Peine und Bildungseinrichtungen und Arbeitgebern aus der Region möchte das Forschungsprojekt „AnNet – Angehörigennetzwerk" Angehörigen Suchtkranker am Arbeitsmarkt besser helfen.
Als die Peinerin Christina B. mit Beginn der Schulpflicht der beiden Kinder wieder in ihren Beruf im kaufmännischen Bereich einsteigen will, wird die Alkoholkrankheit ihres Mannes zur besonderen Herausforderung. Die junge Mutter erinnert sich: „Nach der Zeit zuhause mit den Kindern ist der Schritt zurück ins Arbeitsleben nicht einfach. Man braucht Energie und auch Selbstbewusstsein. Mit der Krankheit meines Mannes, den Rückfallen, seiner Alkohol bedingten Arbeitslosigkeit und dem einsetzenden Chaos zuhause - da wuchs mir das alles über den Kopf. Es ist schwer langfristig zu planen, aber auch überhaupt erst einen ersten Schritt in Richtung Berufsrückkehr zu machen."

Eine Konstellation, die sie auch Doris Kohnke, Leiterin der Abteilung Leistungen zur Eingliederung im Job-Center Peine gut kennt: „ Unterstützungssituationen, wie wir sie täglich erleben, sind häufig komplex und bedürfen individuell zugeschnittener Hilfen. Wichtig ist dabei auch immer im Auge zu behalten, dass Arbeitslosigkeit und soziale Notlagen, aber auch Krankheiten wie Sucht jeden in unserer Gesellschaft einmal betreffen können.".

Die Erfahrungen im Peiner Jobcenter und die Situation von Frau B. und ihrer Familie sind durchaus keine Einzelfälle, wie auch die aktuelle Forschung belegt. „In Deutschland sind laut neusten Ergebnissen des Epidemiologischen Suchtsurveys rund 10,5 Mio. Menschen als Angehörige betroffen" berichtet AnNet Projektmitarbeiterin Christine Hofheinz.

Das Projekt „AnNet – Angehörigennetzwerk" der Universität Hildesheim hat sich diesem Thema angenommen und wird dabei vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert. „Familien bleiben mit ihren Schwierigkeiten und ihrem Unterstützungsbedarf noch häufig allein", sagt Marion Schnute vom AnNet Projekt. „Die Folgen dieser erhöhten Anforderungen können körperliche und seelische Überlastungen sowie Einschränkungen im beruflichen Alltag sein. Die Belastungen im Berufsalltag können dabei von Unsicherheiten bei der Berufswahl und im Bewerbungsprozess, über schulische Schwierigkeiten bei der Ausbildung bis hin zu Konzentrationsproblemen, Leistungsabfall und erhöhten Fehlzeiten am Arbeitsplatz und Arbeitslosigkeit reichen.". Erfahrungen, wie sie auch die 21jährige, ausbildungssuchende Jessica S. aus Lengede macht „Ich weiß, mit 21 - ich muss jetzt bald eine Ausbildung finden. Seitdem mein Bruder wieder rückfällig geworden ist, ist zuhause nur noch Terror. Ich wäre am liebsten unsichtbar."

Im Rahmen der Peiner AnNet Gruppe „Perspektiven am Arbeitsmarkt" hofft die 21 Jährige jetzt nicht nur auf andere Angehörige in ähnlichen Situationen zu treffen und Kraft und Hoffnung zu schöpfen, sondern auch gemeinsam mit der Gruppe unter Begleitung erfahrener Psychologinnen und Forscherinnen Perspektiven am Arbeitsmarkt zu entwickeln.

Das Ziel von AnNet ist dabei nicht nur die aktuelle Unterstützungs- und Arbeitsmarktsituation Angehöriger von Suchtkranken zu untersuchen. Das Projekt möchte darüber hinaus gemeinsam mit Angehörigen Ansätze entwickeln, um bundesweit die Perspektiven Angehöriger am Arbeitsmarkt zu verbessern. Dazu kooperiert AnNet mit Bildungseinrichtungen, Arbeitgebern und Projekten in der Region, wie der IHK Initiative „Inklusiver Ausbildungsbetrieb" und „VerA – Fit für den Beruf". Auch Jutta Schubert von der KVHS Peine unterstützt mit ihrem Team seit vielen Jahren Peiner beim Übergang ins Berufsleben und freut sich auf die Zusammenarbeit mit dem AnNet Team „ Gesundheit und Arbeit gehen oft Hand in Hand, und wir haben die AnNet Mitarbeiterinnen gerne eingeladen ihr Projekt bei unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmern vorzustellen. Bildung ist auch für unsere Einrichtung und Mitarbeiter ein wichtiges Thema und wir freuen uns durch das AnNet Projekt zu lernen, wie wir Angehörige noch besser unterstützen können." Die Erfahrung, dass das AnNet Projekt auch unter jungen Menschen gut ankommt, hat auch Marion Satter, Projektleiterin bei Labora Peine gemacht „ Frau Hofheinz und Frau Schnute haben das Projekt für unsere Teilnehmer vorgestellt und sind dabei schnell in einen Dialog gekommen. In unserer Arbeit versuchen wir auch die Medienkompetenz, also auch den sorgsamen Umgang mit persönlichen Daten z.B. im Internet zu fördern, und die beiden Forscherinnen sind gut auf unsere Fragen, wie z.B. die Anonymität der AnNet Teilnehmer gewahrt wird, eingegangen."

Das auch andere Peiner Einrichtungen vom AnNet Projekt profitieren können, davon ist auch Gunnar Otto von der Caritas Peine überzeugt und hat das AnNet Projekt tatkräftig bei der Vernetzung mit seinen TeilnehmerInnen und weiteren Peiner Einrichtungen unterstützt: „Im Leben kommt man als Einzelkämpfer selten weiter – Vernetzung ist auch in unserer Arbeit das A und O" so Otto.

Gerade mit Blick auf die Vernetzung freut sich Marion Schnute vom AnNet Projekt auch über das Interesse von Ausbildern und Unternehmen „Die Betriebe zeigen sich besorgt um ihre Auszubildenden und Mitarbeiter und sind – nicht nur im Rahmen von Fachkräftemangel und betrieblicher Gesundheitsförderung – an der Frage interessiert, wie sie Angehörige und ihre Familien unterstützen, und welche Hilfen von außen sie hinzuziehen können."

Für Sommer kommenden Jahres ist daher eine gemeinsame Veranstaltung mit Angehörigen und Arbeitsmarktakteuren geplant, die bei AnNet Angehörigen und Einrichtungen auf gleichsam gute Resonanz trifft: Reinhard Manke, Regionalkoordinator der VerA Initiative betont „ Ausbildungsbegleitung ist auch immer ein Stück Lebensbegleitung. Gemeinsam einen Weg zu finden, wie man das Thema Sucht und Familie auch in der Arbeitswelt adressieren kann – davon können Angehörige und Betriebe doch nur profitieren". Auch die AnNet Angehörige Bianca K. ist zuversichtlich: „ Sucht ist immer noch ein Tabu. Das Interesse der Arbeitgeber am AnNet Projekt ist ein tolles Zeichen. Angehörige verschwenden auch am Arbeitsplatz oft viel Energie um zu vertuschen, was zuhause los ist und häufig ist es auch dieser Druck, der einen dann selbst krank macht"

Die Erfahrungsgruppe „Angehörige – Perspektiven am Arbeitsmarkt" trifft sich von Herbst 2015 bis Sommer 2017 unter Leitung von Forscherinnen und Psychologinnen der Universität Hildesheim regelmäßig in Peine. Hierfür werden noch Betroffene in der Region gesucht, die neue Hilfsangebote wahrnehmen und mitgestalten möchten.
Interessierte Angehörige, Peiner Einrichtungen und Betriebe können sich direkt beim AnNet-Team unter 05121 – 883 11 794 oder annet@uni-hildesheim.de melden. Die Teilnahme ist selbstverständlich kostenfrei und anonym.